Pro Jahr sollen in Deutschland um die 400.000 Wohnungen neu entstehen. So die aktuellen Ziele der Bundesregierung. Doch der Neubau von Wohnungen geht mit einer nicht unerheblichen Erhöhung der Treibhausgasemissionen einher – und könnte somit auch die Klimaziele des Bundes gefährden. So ein Artikel von Philipp Kollenbroich und Jonas Schaible in der Zeitschrift *„Der Spiegel“ in Heft Nr. 8 vom 19. Februar 2022.
Robert Habeck, neuer grüner Wirtschaftsminister, hat schon jetzt angekündigt, dass die Einhaltung der Klimaziele für die Jahre 2022 sowie 2023 vermutlich nicht erreicht werden könnte. Ein Grund dafür: der Ausbau von Wohnraum ist eines der größeren Wahlversprechen der SPD. Olaf Scholz fuhr bereits als damaliger Bürgermeister von Hamburg den Kurs des rapiden Wohnungsneubaus. Diesen Pfad will er auch jetzt als Bundeskanzler für ganz Deutschland fortbeschreiten.
Ein aktuelles Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft übt Kritik an diesem Kurs und warnt, dass die Erreichung der aktuellen Klimaziele gefährdet sei. Durch den Neubau von Wohnungen entstünden nicht nur erhebliche Treibhausgasemissionen, sondern auch weitere ökologische Belastungen. Vor allem die Herstellung von Stahl, Steinwolle, Zement und Fensterglas sei mit großen „grauen“ Emissionen verbunden. Diese hätten eine solche Größe, dass sie sich auch im späteren Betrieb nicht ausgleichen lassen würden. Um dies festzustellen, analysierte der Leiter des Instituts Technologie und Management im Baubetrieb des KIT (Karlsruhe), Kunibert Lennerts, zusammen mit Norbert Fischer, einem Gebäudetechnikprofessor, verschiedene Szenarien. Das Ergebnis der Studie: der Gedanke, mit dem Bau eines Eigenheims tue man etwas fürs Klima, sei pure Illusion.
Pro Jahr entstehen durch den Bau von Büros, Fabriken und Wohnungen etwa 44 Milliarden Tonnen an grauen Emissionen. Das sind etwa sechs Prozent der bundesweiten Treibhausgasemissionen. Und das, obwohl nur ein sehr kleiner Teil an Wohnungen jedes Jahr neu errichtet wird. Im Jahre 2020 erhöhte sich der Wohnungsbestand so nur um 0,7 Prozent. Im Vergleich zum Neubau können durch Sanierungen etwa 80 Prozent der grauen Emissionen vermieden werden. Lennerts hält den Neubau im Gesundheitswesen sowie den Wohnungsneubau dennoch für erforderlich. Er macht aber deutlich, dass man dabei so wenig Emissionen wie möglich erzeugen sollte.
Eine Idee im Hinblick auf die bestehende Problematik ist die Sanierung alter Verwaltungsgebäude und ehemaliger Büros in den Kerngebieten von größeren Städten. Somit könnten etwa 350.000 Wohnungen aus bereits vorhandenen Bauten entstehen. Dies folgt aus einer Wohnungswirtschafts-Studie. Somit könnte eine Kompromisslösung entstehen, welche sowohl neuen Wohnraum schafft, als auch die Belange der Ökologie im Blick hat.
Das Institut der deutschen Wirtschaft hält das aktuelle Ziel des Bundes zudem für zu hoch. Es bestehe lediglich ein Bedarf von etwa 308.000 Wohnungen jährlich – dies entspricht dem jetzigen Bauvolumen. Es müsse nicht mehr als bisher gebaut werden, dafür aber woanders. Denn: eine Auswertung ergab, dass pro Jahr etwa 27.000 Wohnungen am falschen Ort erbaut wurden. Das sind etwa zehn Prozent des kompletten Neubaus. Neue Wohnungen benötige man insbesondere in Ballungsräumen und Großstädten.
In der Hauptstadt gründete sich nun das neue Bundesbauministerium. Ministerin ist Klara Geywitz. Diese hält es für notwendig, dass Fördermittel in Zukunft verstärkt an den entstandenen ökologischen Fußabdruck angeknüpft werden müssten. Hierbei solle der
komplette Lebenszyklus berücksichtigt werden, insbesondere solle auf Abriss und Bau
geschaut werden. Ob die entsprechenden Änderungen ausreichen werden, den Anstieg der
Emissionen zu vermeiden, bleibt dennoch fraglich. Von dem 400.000 Wohnungen-Ziel
möchte auch Geywitz nicht abweichen.
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